Besonnen schlägt schlagfertig

Hockeyschläger, Ball und Gebissschutz

Da hat uns jemand richtig angepampt?! Aus heiterem Himmel kam es, sonst wäre uns vielleicht eine passende Entgegnung eingefallen. So jedoch waren wir völlig überrumpelt und mussten klein beigeben. Wie schön wäre es, in solchen Situationen schlagfertig zu sein… Oder besser doch nicht?

Zwei Strichmännchen streitenFür Wikipedia gilt eine Person als schlagfertig, die „auf eine unerwartete Bemerkung oder Frage treffend und witzig reagieren kann“. Der Wikipedia-Beitrag sieht Schlagfertigkeit als „gelungene Fortsetzung einer Kommunikation“, die das Publikum wie auch die Sprecher überraschen kann. Mich selbst überrascht diese wissenschaftlich-unbeschwerte Betrachtung einer Eigenschaft, die zwar unterhaltsam und bereichernd sein kann, doch häufig nur eines im Schilde führt: Den Gesprächspartner schlecht aussehen zu lassen. karrierebibel.de kommt dem mit seiner Definition schon näher: „Die Kunst, in einer unangenehmen Situation spontan und wendig zu kontern. Wer schlagfertig ist, […] der stoppt Verbalattacken und nimmt dem Angreifer den Wind aus den Segeln. Dieser steht in einem schlechten Licht da, während Sie souverän und selbstsicher daher kommen.“ So sieht doch die Welt aus!

Der Kontrahent steht in einem schlechten Licht da, wir hingegen stehen durch unsere Schlagfertigkeit in einem guten Licht? Wird, wer in schwierigen Kommunikationssituationen schlagfertig ist, tatsächlich immer positiv bewertet?

Das rechte Maß der Selbstinszenierung

Schlagfertig zu sein, gilt als kommunikationsstark, souverän und selbstsicher. Sehen wir tiefer hin, erkennen wir Aspekte der Kommunikation, die auch eine andere Bewertung zulassen:

Schnell sein! Den „Angriff“ genauso unvermittelt zurückgeben, wie er kam – statt 1:0 für den „Widersacher“ gleich das 1:1 machen und das 2:1 hinterher – „Spiel gedreht“, selbst den Triumph davon getragen!

Was ist passiert? Schwer zu sagen, wir haben im Eifer des Gefechts nicht darüber nachgedacht. Es war ein Angriff gegen uns, wir mussten uns verteidigen. Die Aussage des „Angreifers“ war jedoch auch eine Rückmeldung, die uns – hätten wir uns Zeit zum Reflektieren genommen – Aufschluss zu unseren eigenen Agieren gegeben hätte.

Wirkungstreffer erzielen! Den verbalen Angriff mindestens auf derselben Intensitätsstufe zurückgeben!

Was war gemeint? Wir wissen es nicht genau, wir hatten keine Zeit zu überlegen, es ging alles so schnell. Die Beleidigung, die wir im Affekt ausgesprochen haben, war eigentlich nicht so gemeint, spontan fiel uns aber keine passendere Formulierung ein.

Publikum überzeugen! Je mehr Personen unseren verbalen Triumph miterleben, desto besser! There’s no business like show business…

Wie wird das Publikum werten? Siegtreffer oder Eigentor? Wir wissen es vorher nicht. Die Möglichkeit, dass sich ein Teil des Publikums peinlich berührt abwendet, steigt mit der Anzahl der Zuschauer. In jedem Fall unterstützen Zuschauer das Risiko des Gesichtsverlusts auf einer der Seiten. Relativierung, Rücknahme oder gar die Bitte um Verzeihung werden unendlich schwer, selbst wenn wir unseren Irrtum erkennen.

Flotte Sprüche für die Eskalation

Tipps für mehr Schlagfertigkeit, im Internet auf diversen Seiten angepriesen, bedienen oft die Rachegelüste der Opfer verbaler Auseinandersetzungen und tragen damit zur weiteren Eskalation bei. „Es kommt nicht darauf an, was Sie sagen – Hauptsache, Sie sagen etwas“, ist in einem Beitrag zu lesen. Ebenso wird empfohlen, einige Entgegnungen auswendig gelernt bereit zu halten. Als Entgegnung auf die Attacke „Du bist das Allerletzte!“ lautet die angebotene Reaktion: „Ja stimmt, das Beste kommt immer zum Schluss“. Ob es das war, was sich der Wikipedia-Autor unter „der gelungenen Fortsetzung einer Kommunikation“ vorstellte…? Unser Kontrahent befände sich, leicht erkennbar, verbal bereits im Ausnahmezustand. Fällt uns in solch einem Moment etwas wirklich „Treffendes“ ein, müssen wir zumindest hoffen, dass uns die Rache unseres verletzten Kontrahenten bei der nächsten Gelegenheit nicht mit doppelter Intensität trifft.

Innehalten

Wie (re)agieren wir im Fall eines verbalen Angriffs souverän und vermeiden, im Affekt jede Menge Porzellan zu zerschlagen? Fast immer haben wir die Gelegenheit, etwas zu erwidern und sei es nur ein kurzer Satz. Doch bevor wir sprechen ist es gut, eine Sekunde innezuhalten, um uns über einige Dinge bewusst zu werden:

Bin ich Adressat der Botschaft – bin ich überhaupt gemeint?

Hat die Person mit ihrer Aussage geendet oder spricht sie noch?

Was genau ist geschehen, was wurde gesagt, was habe ich losgelöst von emotionalen Einflüssen beobachtet?

Welche Emotionen löst die Situation bei mir aus?

Welches Bedürfnis verspüre ich in diesem Zusammenhang (Schutz, Aufklärung, Mitgefühl für meine Situation oder Wertschätzung meiner Position)?

Um die erforderliche Zeit für diese Erkundung zu gewinnen, können wir als Frage wiedergeben, was wir verstanden haben (Spiegeln): „Verstehe ich Dich richtig, dass Dir mein Agieren in Zusammenhang mit… missfällt?“ Deeskalierend kann eine Umformulierung wirken, die aggressive Inhalte aus einer neutralen Perspektive darstellt und Verallgemeinerungen auf den konkreten Inhalt fokussiert (Reframing):

A: „Jedes Mal streichst Du meine Artikel bis zur Unkenntlichkeit zusammen!“ B: „Hast Du den Eindruck, dass bei der Schlussredaktion deines Artikels von heute Mittag wesentliche Inhalte entfallen sind?“

Auch unsere Erkundung können wir in Fragen kleiden: „Ich nehme Deine Bemerkung als aggressiv wahr, das überrascht mich. Kannst Du mir bitte erläutern, was der Hintergrund Deiner Äußerung ist?“

Fragen stößt Reflexion an

Warum ist im Moment einer schwierigen verbalen Situation gerade eine Frage hilfreich? Zum einen gewinnen wir Zeit, zum anderen stoßen wir einen Prozess des Nachdenkens an. Scharfzüngige Formulierungen dienen dem Versuch, den Schwarzen Peter bei der angesprochenen Person zu platzieren. Eine Frage durchbricht das Ping-Pong gegenseitiger Provokationen und Vorwürfe. Eine Lösung des Disputs setzt die Auseinandersetzung mit dessen Kontext voraus, und hierfür sind gegenseitige Anschuldigungen kaum eine vielversprechende Basis. Eine aufrichtig formulierte Frage spielt den Ball ohne Eskalation ins Feld des Gegenübers zurück. Fragen wir beispielsweise nach einer Erläuterung, lösen wir auf beiden Seiten eine Reflexion mit der aktuellen Situation aus, beim Gegenüber und auch bei uns selbst.

Meist trifft man sich nicht nur zweimal

Zwei Strichmännchen HandschlagIn Konfliktmanagement und Mediation werden die Konfliktparteien auch Konfliktpartner genannt. Partner deshalb, weil sie entschieden haben, ihren Konflikt beizulegen. Denn der Konflikt behindert sie im Alltag, schränkt ihre Leistungsfähigkeit und ihr Wohlbefinden ein, möglicherweise schadet er auch ihrem Ansehen. Eine Beilegung ermöglicht es beiden Seiten, wieder konstruktiv miteinander umzugehen.  Im privaten Bereich ist das ebenso wünschenswert, wie im beruflichen Kontext.

Wenn wir als Grundhaltung davon ausgehen, dass uns niemand unbegründet aus reiner Boshaftigkeit angreift, können wir versuchen, für einen Moment die Perspektive unseres Kontrahenten einzunehmen. Gelingt es uns zu erkennen, aus welcher Situation heraus eine Person agiert, können wir selbst gelassen und angemessen reagieren.