Mit der aktiven Bürgergesellschaft gegen Klimawandel
9. April 2010 | von Uli Bach | Rubriken: ZukunftBei allem Nachdenken über Klimawandel und ökologische Innovation kommt bisweilen der Gedanke auf, welches politische System die nötigen Wandlungsschritte eher fördert: Demokratie oder (Öko-)Diktatur? Gibt es sogar einen anderen Weg? Der Sozialpsychologe Harald Welzer sieht die Demokratie als flexibler, fehlerfreundlicher und anpassungsfähiger. Er schreibt ihr das höhere Potenzial zu, auf den Klimawandel zu reagieren. Eine Diktatur mit zentraler Planung durch wenig Entscheider kann Veränderungen nicht flexibel genug steuern.
Der Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen sieht vor allem in der Politik der skandinavischen Staaten und der Schweiz Beispiele für eine gute Klimapolitik. Dabei hebt er vor allem die dortigen Nahverkehrssysteme hervor. Dem stehen die Behäbigkeit der USA und anderer europäischen Demokratien entgegen, die nicht immer ein leuchtendes Beispiel für engagierte Klimapolitik sind. Welzer macht dies an drei Punkten fest: „Erstens: Die Interessen von Wirtschaft und professioneller Politik sind auf kurzfristige Erfolge fixiert, die langfristigen Gewinnen oder der langfristigen Schadensabwehr im Wege stehen. Zweitens: Wir leisten uns kulturelle Fetische und Tabus, wie die Wikinger, die als Auswanderer in Grönland keinen Fisch essen, aber ihre Rinderzucht und ihren kostspieligen Kirchenbau beibehalten wollen – und deswegen scheiterten. Im Gegensatz zu den Inuit, die sich in einer ähnlichen Umgebung besser anpassten. Ein solcher Fetisch ist in unserer Kultur die Mobilität durch Autos, die uns unverhältnismäßig viel kosten – wirtschaftlich, hinsichtlich Lebensqualität und ökologisch. Drittens: wegen einer Trägheit, die sich in Strukturen ebenso findet wie im Verhalten einzelner.“ Eine aktivere Bürgergesellschaft und mehr Partizipation der Bürger ist seiner Ansicht nach deshalb auch die alternativlose Möglichkeit, den Mechanismen der politischen und der eigenen Trägheit zu begegnen. Für den Professor an der Universität Witten/Herdecke können sich so auch einflussreiche Allianzen ergeben, die heute nur schwer vorstellbar sind :“…nehmen wir den Autohersteller Volkswagen und den Öko-Strom-Anbieter Lichtblick, die zusammen 100 000 Blockheizkraftwerke in Wohnhäusern installieren wollen. Ich habe auf dem utopia-Kongress vor ein paar Monaten in Berlin viele Wirtschaftsvertreter getroffen, deren Unternehmen im Hinblick auf eine klimafreundliche Unternehmenskultur weiter sind als zum Beispiel jede Universitätsverwaltung. Natürlich müssen das noch viel mehr werden.“ Seinen entschiedener Appell für demokratische Wege veranschaulicht Welzer an den katastrophalen Nebenwirkungen der von totalitären Regimen bevorzugten großtechnologischen Lösungen: „Eine Vielfalt an kleinen Lösungen ist besser und das lässt sich nicht zentral planen.“
Quelle: „Schrot & Korn“, Nr.4, 2010
