Nervöse Routine

21. April 2011 | von Stefan Schmidt | Rubriken: Wirtschaft

Mit der S-Bahn fahren Horst und Erhard selten.
Ihre Sakkos verraten, dass sie aus gut be­zahlten Jobs in die Rente kamen, auch, dass das schon mehr als zehn Jahre her ist. Sie tauschen Teile der Frankfurter Allge­meinen und Horst sagt beiläufig etwas über die Sicherheit von Hochtemperaturre­aktoren. Irgendwo hat er auch was von den Rückbaukosten der Atomruine in Hamm gelesen. So wie er es sagt, lohnt es nicht, dem Atomthema weitere Aufmerksamkeit zu widmen. Und doch wird es dem Tag im Nacken sitzen.

Der Zug bummelt durch die ersten Ruhr­gebietsstädte. Da war mal der riesige Güter­bahnhof. Hier vor ein paar Jahren das große Stahlwerk. Horst und Erhard sehen sie noch, die alten Symbole des Industrie­standortes. Aus dieser vergangenen Welt stammt ihr Erspartes, dass sie auch durch ein paar geschickte Aktienspekulationen zu bewahren hoffen.
Am Essener Hauptbahnhof schauen sie in die Wegbeschreibung zur RWE-Haupt­versammlung, aber eigentlich müssen sie nur folgen: Ein Strom von Kleinaktio­nären, meist Männer und nur selten jünger als 60, drängt Richtung U-Bahn.
Randlose Brillen studieren die Fahrpläne, dabei stehen genug Stadtwerker bereit und fordern die Besucher auf, bis ans Bahn­steigende zu gehen. Die Herren trotten nach vorne und der Ordner freut sich: “Die Generation tut noch, was man ihr sagt”.

Geordnetes Chaos
Bis auf ein paar aufgeregte Jungspekulan­ten spricht niemand darüber, was die spür­bare Nervosität im Zug erklärt – Atom­kraftgegner haben zur Blockade der Hauptversammlung aufgerufen.
Kaum aus dem U-Bahnschacht aufgestie­gen geraten die Aktionäre so auch direkt in eine Gruppe von behelmten Polizisten. Und laut ist es auch. Mühsam drängt man sich durch ein Spalier um die Blockierer herum, die weit vor dem Eingang zur Gru­gahalle auf dem Boden sitzen. Es scheint mehr Polizei als Demonstranten zu geben, daher ist der Zugang zur Halle mühsam, aber geordnet. Die Besucher werden ab­wechselnd beschimpft oder belehrt und reagieren mit Ignoranz oder Pro-A­tom-Argumenten, die selbst in den ganz schlechten Talkshows nicht mehr zu hören sind.
Um Viertel vor Zehn wird es nun aber doch eng und der Einsatzleiter lässt seine Truppe Stellung zur Räumung beziehen. Das könnte man sich besser von Innen an­schauen. Aber der Pressezugang liegt auf der anderen Hallenseite und nach einem Check-In wie am Flughafen und der Be­lehrung zu den Spielregeln: “Fotos nur bis zum Ende der Rede von Dr. Großmann” ist es schon nach Zehn.

Der Vorsitzende bittet um Verständnis, “Sie haben ja mitbekommen, dass es drau­ßen noch Verzögerungen gibt”, aber in ei­ner viertel Stunde werde man starten. Dann endlich kann man beginnen, begrü­ßen, die Formalien erklären und bald spricht auch der große Vorsitzende.

Jürgen Großmann redet eher zäh als gelas­sen, er hat das ja alles schon hundert Mal gesagt, aber heute wirkt er angespannt. Schon nach den ersten Sätzen unterbricht ihn ein ‘Abschalten, abschalten!’ aus dem Zuschauerraum. Ein Securitymann stellt sich vor das Pult, die Journalisten im Pres­seraum springen auf und beobachten, wie ein paar Saalordner die Störer und ihr Banner aus dem Saal drängen.
Das fällt leicht, denn die Anleger machen brav Platz oder legen auch bereitwillig selbst Hand an. So ist diese Generation eben.
Nach einer halben Minute ist Ruhe und Großmann beendet, was er vorher begon­nen hatte, dass Klartext heute wichtiger denn je sei und hundert Jahre Verlässlich­keit und dass in Deutschland die Lampen nicht ausgehen, das ist den ersten Applaus wert.

Geregelte Störfälle
Die zweite Gruppe von Atomkraftgegnern entrollt ihr Banner und wird im Saal hör­bar. Da spricht der Vorstand schon drüber hinweg und kommt bald auf Fukushima und die Folgen. Den Rest kennt man von den Medienvertretern der Atomlobby, im Pressezentrum kehrt Routine ein.
Der Vertreter eines amerikanischen Wirt­schaftsmagazins klickt aus einem Gross­mann-Profil und ein paar Beiträgen über “Germanys anti-nuclear protest” einen Ar­tikel zusammen. Bei der inzwischen Drit­ten Störung schaut kaum noch jemand vom Bildschirm auf.
Als Großmann “Erfolgreiches Abschalten der RWE” sagt, gibt es noch mal ein paar Lacher, dann korrigiert er sich auf “Ab­schneiden” und der nächste Protest von Aktivisten im Saal erstirbt im Applaus.
RWE hatte mit mehr Demonstranten ge­rechnet. Die anwesenden Journalisten inter­essieren sich eher für die kommunalen An­leger, also die an RWE beteiligten Ruhrge­bietsstädte, die den Atomkurs des 59jähri­gen “Dinosauriers” nicht mehr tragen wol­len und der wahre Grund für Großmanns Anspannung sind.
Dass RWE sich mit 20 % am Neubau eines holländischen Atomkraftwerkes beteiligen will ist als Gerücht bereits unterwegs aber noch nicht im Saal angelangt. Dort argu­mentiert der Vorstand noch, dass man die deutschen Kraftwerke nicht abschalten brauche, weil die französischen uns dann weiter bedrohten.
Erneut wallt eine “Abschalten!”-Gruppe auf und wird ohne große Beachtung her­ausgeführt. Das Publikum ist genervt und wenig beeindruckt.
Über den zukünftigen Kurs des Stromkon­zerns entscheiden ohnehin andere. Versi­cherungen, Banken und andere Großinves­toren, die dann auch wieder ihrer Rendite verpflichtet sind. Über die Kommunen kommt etwas Politik und Bürgerinteresse ins Unternehmen. Vorstandsreden, Protes­te, die Auftritte der kritischen Aktionäre bleiben ein kurzes Aufflackern in Tages­schau und Tageszeitung.

Für mehr als 7 Stunden Anfragen und Re­debeiträge haben sich nun Aktionäre ange­meldet. Da hört man noch einen Moment zu, aber nach und nach leert sich die Halle. Im Zehn-, später im Fünfminutentakt lösen sich fundierte und haarsträubende, enga­gierte aber auch kaum erträgliche Beiträge ab. Wer mag, verfolgt die Veranstaltung live im Netz und hört noch den eifrigen Verfechter der Kernkraft-Rendite oder den eloquenten Beitrag über den Greenpeace-Plan zur Deutschen Energiepolitik. Der Vorstand antwortet.

Vor der Gruga ist es inzwischen ruhig, eine kleine Gruppe der Bereitschaftspoli­zisten wartet auf den Abend.
Horst und Erhard können da mit ihrem Kleinanleger-Stimmrecht gerade mal eine Symbolwirkung haben. Aber die interes­siert sie weniger als die Präsente, die ihnen Ihr Unternehmen in die Tasche gepackt hat und die sie nun inspizieren.
Am Abend hat die RWE-Aktie leicht zuge­legt. Die Anleihen der Solarstroman­bieter haben etwas mehr gebracht. Doch das ist was für die nächste Generation.

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