Von sichtbaren und spürbaren Veränderungen

28. August 2010 | von Uli Bach | Rubriken: Allgemein

In Grönland wachsen jetzt Bäume. Ebenso Kartoffeln. Weiden, die früher höchstens kniehoch kamen, bringen es jetzt auf zwei Meter. Robbenfett wurde jahrtausendelang gebraucht, um Feuer zu machen. Jetzt gibt es dort Holz.

Das alles klingt nach verkehrter Welt. Und wenn es heißt, dass die veränderten Bedingungen in Grönland für viele Grönländer rein wirtschaftlich gesehen auch positive Effekte haben, haut es das innere Koordinatensystem spätestens dann aus der Kurve: Ressourcen werden zugänglicher, die früher unter dem Eis verborgen lagen.

Sven Nieder, Fotograf aus Bielefeld, hat die Landmasse im Norden besucht und mit eignen Augen und mit denen der Kamera die dortigen Auswirkungen der Erderwärmung gesehen. Fast muten seine Beobachtungen wie eine Werbung für den Klimawandel an. Dazu äußert sich Nieder in einem Interview so: „Nein, aber wir müssen wegkommen von der negativen Energie. Es geht jetzt weniger darum zu sagen, was schlecht oder falsch gelaufen ist. Es geht darum, mit den sich verändernden Bedingungen umzugehen und etwas Positives aus ihnen zu machen.“

Ausgangspunkt für des Fotografen Reise war eine Zeremonie, zu welcher der Eskimo-Schamane Angaangaq andere Schamanen indigener Stämme eingeladen hatte. Angaangaq hatte auch die UN gewarnt: Das Eis in meiner Heimat schmilzt. Das war aber bereits 1978.

„Ich hatte eigentlich gedacht, dass es eher kalt ist, aber wir sind im Juli bei Temperaturen um die 25 Grad meistens leicht bekleidet rumgelaufen“, beschreibt Nieder seine Erfahrungen aus dem Norden. Und er sagt im selben Interview: „Ich komme gerade vom Amazonas, (…). Keiner der Einheimischen konnte sich daran erinnern, dass es jemals so kalt war, nur vier Grad! Die Extreme sind also wirklich weltweit zu spüren.“

Mitte September erscheint die Dokumentation dieser Grönlandfahrt: „Heiliges Feuer. Schamanen und Älteste für die Welt“, herausgegeben vom Bielefelder Kamphausen-Verlag. Besonders erwähnenswert ist dabei auch, dass das Buch auf klimaneutral produziertem Papier gedruckt ist. Verantwortlich dafür zeichnet die Forest Carbon Group aus Darmstadt, die ein Aufforstungsprojekt in Kanada betreibt.

Sven Nieder: „Mich fasziniert das Selbstverständnis, mit dem die indigenen Völker in die Welt treten, und ihre Bereitschaft, ihr Wissen zu teilen, statt es wie früher zu verbergen. Und in den Industrienationen merken immer mehr Menschen, dass wir auf ihr Wissen und ihre Besonnenheit im Umgang mit der Natur angewiesen sind. Wir müssen beobachten, was sich verändert und was wir mit unserem Tun verändern. Und mit Mitgefühl und Liebe versuchen, die Welt in Balance zu kriegen.“

Quelle: „Neue Westfälische“, 11. August 2010

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