Vom weisen Handeln für die Allgemeinheit

19. August 2010 | von Uli Bach | Rubriken: Allgemein

Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin und 76 Jahre alt. Und sie hat im vergangenen Jahr den Nobelpreis erhalten: Die US-Amerikanerin Elinor Ostrom.

Jahrzehntelang hat sich diese ältere Dame mit sogenannten Allmendegütern beschäftigt. Das sind Güter, die weder Unternehmen noch der Staat kontrolliert, sondern von dort ansässigen Menschen gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Als da z. B. sind Grasweiden in der Mongolei, Fischgründe in der Bucht von Izmir, Wasserquellen in Nepal oder Almen im schweizerischen Wallis. Dazu die landläufige Meinung von Politologen und Ökonomen: Die gemeinschaftliche Nutzug der Allmenden schafft nur Probleme, denn jeder will mehr aus ihnen herausholen als ihm zusteht. Also sollten die Allmenden besser an private Eigner aufgeteilt werden. Oder aber eine Behörde wacht über allem.

An diesem Punkt kommen Frau Ostrom und ihre Forschung ins Spiel. Die Wissenschaftlerin stellt die gerade beschriebene, lange als eine solche gegoltene Weisheit der Ökonomie buchstäblich auf den Kopf.

Bereits in ihrer Doktorarbeit beschäftigte sich Ostrom mit der Frage, warum Menschen mit Gemeinschaftsgütern so gut umgehen, dass das Ergebnis besser ist als auf freien Märkten oder unter einer kontrollierenden Behörde. Zu Beginn der 1960er Jahre untersuchte sie kalifornische Versorgungsbetriebe, die einen gemeinsamen Weg finden mussten, um die knappe Ressource Wasser zu verwalten. Die Betriebe waren damals sehr kreativ darin, die Eigentumsrechte zu verteilen und das Grundwasser vor dem Versiegen zu bewahren. Und Elinor Ostrom hatte ihr Lebensthema gefunden.

Ihre umfangreichen wissenschaftlichen Forschungen münden in einem „polyzentrischen Ansatz“. Der besagt, dass Schwierigkeiten mit Gemeingütern auf vielen Ebenen angegangen werden können: auf der internationalen, der staatlichen, aber auch auf der lokalen. Die Konsequenz daraus bedeutet, dass nicht bei jedem wichtigen Thema gleich ein internationaler Gipfel einzuberufen ist oder nationale Gesetze aus dem Hut gezaubert werden müssen. Veränderung, und das ist das Entscheidende, kann immer auch direkt vor Ort beginnen. Ganz im Sinne eines Ansatzes des „Global denken, lokal handeln“. Ostroms Forschung zeigt eins wohl ganz deutlich: Das Gerede vom:„Wir (respektive Ich) können (kann) ja doch nichts ändern!“ wird zur reinen Schutzbehauptung, denn ihm entbehrt jede Grundlage.

Die Nobelpreisträgerin ist da ganz pragmatisch: Zum Beispiel Klimaschutzabkommen. Sie sind natürlich sinnvoll, doch während ihres langwierigen Entstehungsprozesses kann eine Stadtverwaltung schon mal damit anfangen, Windräder aufzustellen oder Fahrradwege auszubauen. Oder sie überhaupt erst mal anlegen. Und die Verbraucher -jeder einzelne also- können zum Beispiel Güter von und bei heimischen Erzeugern kaufen. Vor allem aber: Alle können laut über das reden, was sie tun, denn gute Vorbilder finden immer auch ihre Nachahmer. Davon ist die mit Preisen und Ehrenwürden hochdekorierte Frau Ostrom überzeugt.

Eine Crux ihrer Arbeit, leider: Die einen sehen in ihr eine Art Bannerträgerin für eine bessere Zukunft, andere interpretieren ihre Äußerungen dahingehend falsch, dass sie gegen eine globale Klimapolitik sei. Nichts dergleichen sagt jedoch die so Missverstandene, deren maßgebliches Werk „Governing the Commons“ 1990 erschienen ist. Auf gut deutsch gibt es das Werk seit 1999 unter dem Titel „Die Verfassung der Allmende“.

Quelle: DIE ZEIT – Nr. 31, 29. Juli 2010

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