Verbohrt

Fracking gefährdet das Grundwasser – und die Energieeffizienz der Wirtschaft

Mehr als drei Jahrzehnte bestimmte die absehbare Verknappung der fossilen Energie unser ökonomisches Denken. Die Abhängigkeit vom Öl des nahen Ostens war Mittelpunkt strategischer Planungen und auch konkreter Konflikte.
Doch seit in den USA mit neuen Bohrtechniken und fragwürdigen Chemiecocktails Gas- und Ölreserven aus bisher unerreichbaren Schieferschichten gewonnen werden, scheint sich die Welt gewandelt zu haben. Die durch Hydraulic Fracturing (kurz: Fracking, förderbaren Vorkommen sollen so reichhaltig sein, dass sich die USA seit 1995 erstmals wieder zum Ölverkäufer wandeln. Unlängst wurden Hafenanlagen, die das saudische Öl aus den Supertankern pumpten, umgebaut – nun verladen sie auch verflüssigtes Erdgas für den Export.
Da überrascht es kaum, dass man auch den deutschen Boden auf die verborgenen Schätze prüfte. Und tatsächlich: In Niedersachsen und NRW versprechen die tief gelegenen Schieferschichten Gasreserven, die mit der Fracking-Technologie erschlossen werden könnten.
Doch wie jedes Märchen hat auch die Geschichte vom Energiewunder einen Haken.
Denn wenn die Ölkonzerne die Gasfelder nach geschätzten 13 Jahren gewinnträchtig abgebaut haben, wird der Verbraucherpreis für die Energie nicht verbessert sein, die unkalkulierbaren Folgen der Förderung aber beim Steuerzahler verbleiben.

Befürworter des Frackings argumentieren mit der Abgeschlossenheit der gashaltigen Schichten.
Abgesehen davon, dass die Gesteine nicht so ordentlich angelegt sind wie in den Schaubildern – spätestens eine undichte Bohrstelle bedeutet eine Verbindung dieser Ebenen an der die problematischen Stoffe unkontrolliert austreten könnten. In einigen Gegenden der USA kam es so zu großflächigen Verseuchungen des Grundwassers. Brennende Wasserhähne, die der populäre Film Gaslands zeigt, sind dabei noch die sichtbarste Folge.
Die Gleitgele können im Schiefer wie Kugellager wirken und Erdbewegungen möglich machen – in den USA und England kam es bereits zu Erschütterungen, beim Beben 2012 in der Lüneburger Heide besteht der Verdacht eines Zusammenhangs. Bilden sich dadurch Risse in Häusern, sind die Eigentümer in der Nachweispflicht – gegen eine Armada von Konzern-Anwälten.

Gehen gewöhnliche Gasbohrungen senkrecht in den Boden bis sie ein Vorkommen ‚anzapfen‘ können, biegt die Frackingbohrung im Schiefer unterhalb der wasserführenden Schichten ab und spült aus zahlreichen Öffnungen eine Flüssigkeit ins Gestein. Damit sich die so aufgepressten Risse nicht sofort wieder schließen, sorgen Wasser und Quarzsand zum Aufsperren – dabei helfen Gele, das Gemisch gleitfähig zu halten. Biozide verhindern störendes Bakterienwachstum, andere Stoffe verringern Korrosion und Reibung. Laut Greenpeace enthält das Frackingcocktail 38 für den Menschen toxische Substanzen, zwischen acht und 14 davon wirken krebserregend. Etwa 40 % der Stoffe werden an die Oberfläche zurückgedrückt und können in die Luft freigesetzt werden.
Zwar wird Fracking in der konventionellen Förderung in Deutschland bereits seit 1961 eingesetzt – aber fast nur zur höheren Ausbeutung bei klassischen Bohrungen.

Den wirtschaftsliberalen Medien fällt es indes schwer, die Skeptiker als ahnungslose Spinner zu diffamieren – haben die jüngeren Ölkatastrophen, aber auch die inkompetente bis grobfahrlässige Handhabung des Atommüllagers Asse gerade erst gezeigt, dass ein blindes Vertrauen in die Energiewirtschaft unangebracht ist.

Immerhin verbietet der aktuelle „Altmaier-Rösler-Kompromiss“ das Fracking in Wasserschutzgebieten – das schützt aber weniger als 20 % der Fläche Deutschlands.
In Frankreich und auch in mehreren Staaten der USA wurde das Fracking dagegen komplett verboten.

Vermeintlich billiges Gas bremst zudem den Ausbau regenerativer Energien, die zu Beginn ihrer Nutzung teurer sind.
Inzwischen hat sogar die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) in einer Studie gezeigt, dass das Fracking langfristig keinen Vorteil bringe. Nicht nur wegen der hohen Förderkosten – der Verzicht auf Energieeffizienz gefährde langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.

(Dieser Artikel erschien vorab im Magzin Kompass der Piratenpartei)