„Keine Zeit für Grabenkämpfe“

16. Juni 2010 | von Uli Bach | Rubriken: Allgemein

Wer häufiger bei futux° herein schaut, wird es schon gemerkt haben: Wir finden gut, wenn sich was tut!

Vor kurzem las ich ein Interview mit den Karmakonsum-Gründern Christoph Harras und Noel Klein-Reesink. Die Intention der beiden Blogger scheint mir ähnlich der von futux° zu sein. Einige ihrer Äußerungen zum Thema Konsum lassen sich so auch auf den Bereich der Energiepolitik anwenden. Wenn für futux° „Mehr Energie wagen“ gilt, dann geht es Harras und Klein-Reesink darum, mehr Nachhaltigkeit zu wagen!

Die Gedanken von Karmakonsum sind es wert, an dieser Stelle näher vorgestellt zu werden.„Wenn Verbraucher sich in Netzwerken zusammenschließen, was heute leicht möglich ist, können wir Druck auf Konzerne ausüben“, sagt Christoph Harras und macht damit gleich eine programmatische Aussage. „Jeder einzelne Mensch kann Verantwortung übernehmen und der Konsum ist ein sehr niedrigschwelliges Angebot, um Verantwortung im Alltag zu übernehmen. Mit jedem Euro, den ich ausgebe, entscheide ich, ob ich eine Industrie fördern will, die das Morgen im Blick hat, oder eine, der das egal ist, die Regenwälder abholzt, Flüsse und Meere vergiftet und so weiter.“ Ihre Grundhaltung ist es, gute Nachrichten zu verbreiten. Das Medienmotto von den schlechten Nachrichten, die gute Nachrichten sind ist in ihren Augen schlicht Angst fördernd und hemmt die gesellschaftliche Weiterentwicklung. Sie glauben vielmehr an die sich durch positive Anreize entwickelnde Wandlungsfähigkeit jedes Menschen. Für beide ist die Welt nicht einfach nur in gut und böse einzuteilen. Weil auch große Unternehmen, wie Noel Klein-Reesnik sagt, ein „Abbild der Gesellschaft“ sind, sollte man deshalb vorsichtig sein, gute Vorsätze aus Unternehmen gleich zu kritisieren. Christoph Harras: „Es gibt in Großkonzernen viele Leute, die auf Sinnsuche sind, die das Herz an der richtigen Stelle haben. Wir sind vorsichtig, Dinge zu bewerten, die nach Greenwashing aussehen. Man weiß nicht, ob nicht ein echter, ernst gemeinter Versuch eines Mitarbeiters dahinter gesteckt hat, den Konzern nachhaltig zu verändern. Das wäre für solche Leute ein Schlag ins Gesicht. Man muss sehen, was Menschen in Konzernen für Widerstände überwinden müssen, bis sie in Aktion kommen. Wenn das mit Greenwashing abgestraft würde, der Konzern einen Reputationsschaden nimmt und sagt: „Wir haben es gleich gesagt, dass es gefährlich ist, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit einzulassen!“, dann ist diese Stimme getötet.“

Es geht immer darum, Ansätze für eine positive Veränderung aufzuspüren, zu fördern und sie letztlich durchzusetzen. Es geht um Netzwerke und um Kooperation. Es geht –natürlich- um „das große Ganze“. Aus beider Worte spricht durchaus Optimismus, denn in der Zeit, in der wir leben, ist „sehr vieles möglich“. Ausdruck davon ist zum Beispiel mit Web 2.0 eine Entwicklung im Internet, die Noel Klein-Reesink als „Demokratisierung in der Medienlandschaft“ begreift. Dazu passt es dann auch, wenn Christoph Harras verdeutlicht: „Es geht um eine neue Wir-Kultur. Die Globalisierung zeigt, wir leben alle auf demselben Planeten. Kopenhagen ist gescheitert, aber im Vergleich zu Kyoto gab es schon ein höheres Bewusstsein. Natürlich kann es sein, dass wir in die totale Klimakatastrophe hineinsteuern und das ganze System kippt. Aber ich versuche, meinen Geist in die positive Richtung zu lenken – Gedanken schaffen Wirklichkeit -, und versuche, möglichst viele Menschen mit diesen Ideen zu infizieren. Wenn viele Leute in dieselbe Richtung denken, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir es schaffen….“

Neue Ideen, ob im Bereich des Konsums oder bei Energiefragen, sehen sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, Verzicht zu fordern und damit ein letztlich lust- und genussfeindliches Leben zu propagieren. Und also werden auch die beiden Karmakonsumer gefragt, ob nicht ein nachhaltiges Leben bedeutet, auf vieles verzichten zu müssen. Noel Klein-Reesink sieht den Verzichtsbegriff in unserem Kulturkreis „komplett negativ besetzt“ und im Zusammenhang der Frage überhaupt nicht passend. Für ihn geht es eher darum, Belastendes auf- oder wegzugeben. Christoph Harras geht noch weiter und sieht im Verzicht einen „Energiezuwachs“. „Nehmen wir mal das Beispiel einer Glühbirne: Der kleine Glühfaden ist wie ein Verzichtsmoment, weil der Strom, der eigentlich schnell fließen will, dort gezwungen wird, langsam zu fließen. Dadurch fängt der Draht zu glühen an und es entsteht Licht. So kann aus Verzicht Strahlen und Leuchten werden.“ Beide sehr persönliche Reaktionen sind in ideale Worte gekleidet und rufen sicherlich auch schöne Vorstellungen hervor. Doch setzen sie eine innere Auseinandersetzung mit Fragen von einerseits verzichten und aufgeben müssen, andererseits aber auch wollen voraus. Mithin sind ihre Antworten bereits Ausdruck eines vollzogenen Bewusstseinswandels.

In unserem Kulturkreis, in dem die Gier und das Haben noch an erster Stelle stehen, wird aber eine Frage wohl immer sein: Was kriege ich dafür, wenn ich auf dies oder das verzichte? Christoph Harras und Noel Klein-Reesink setzen daher auch auf einen „offenen und ehrlichen Dialog, bei dem positive und praktikable Lösungsansätze im Mittelpunkt stehen.“ Dabei ist ihnen vor allem die gesellschaftliche Mitte wichtig, da diese sich, ihrer Ansicht nach, sehr für Nachhaltigkeit interessiert. Im Dialog sehen beide eine große Chance. Vor allem aber sehen sie eine Chance im eigenen Vorbild „ohne erhobenen Zeigefinger“. Christoph Harras zitiert Ghandi mit den Worten „Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Für beide ist als Fazit klar: Nachhaltig leben macht Spaß und ist „im Zeitgeist.“

„Es geht um den Nachbarn von nebenan. Den müssen wir begeistern. Gemeinsam können wir viel bewegen.“ Einverstanden!

Am 25. und 26. Juni findet in Frankfurt die nunmehr vierte Karmakonsumkonferenz statt. Unter dem Motto „Empowering a new Spirit in Business“ stellen Öko-Unternehmen Formen nachhaltigen Wirtschaftens vor. Näheres dazu unter http://karmakonsum.de/konferenz

Quelle: „Schrot & Korn“, Nr.5 / 6, 2010

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